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Geschäft mit dem Zungenband? Endlich kommt Bewegung in die Debatte

  • 2. Aug.
  • 3 Min. Lesezeit

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzt*innen hat kürzlich vor einem „Geschäft mit dem Zungenbändchen“ gewarnt. Ich finde: Endlich kommt Bewegung in dieses Thema.


Seit langer Zeit beobachte ich, dass das Thema Zungenband immer extremer diskutiert wird. Auf der einen Seite werden Zungenbänder teilweise vorschnell getrennt, auf der anderen Seite wird ihre Bedeutung von manchen Kinderärztinnen und Kinderärzten nahezu vollständig abgestritten. Beides wird den betroffenen Familien nicht gerecht.

Meine Haltung ist seit langer Zeit dieselbe:

Erst konservativ behandeln.


Bevor eine Frenotomie überhaupt in Betracht gezogen wird, sollten zunächst andere Ursachen ausgeschlossen und konservative Maßnahmen ausgeschöpft werden.

Dazu gehören eine fundierte Stillberatung mit Korrektur des Anlegens, Mundübungen, Massagen sowie – je nach Befund – physiotherapeutische Behandlung und gegebenenfalls auch osteopathische Begleitung.


Mir ist dabei wichtig: Osteopathie ist nicht die einzige Möglichkeit. Auch sie ist häufig eine Privatleistung und für Familien eine zusätzliche finanzielle Belastung.

Gerade nach schwierigen Geburten – egal ob sehr kurz, sehr lang oder auch nach einer Sectio – können Babys erhebliche körperliche Spannungen entwickeln.

Diese können Symptome verursachen, die denen eines verkürzten Zungenbandes sehr ähnlich sind.

Genau deshalb muss sorgfältig hingeschaut und differenziert werden. Solange ein Baby deutliche Spannungen zeigt, sollte zunächst daran gearbeitet werden, diese zu lösen.

Erst danach lässt sich häufig besser beurteilen, ob tatsächlich ein behandlungsbedürftiges Zungenband vorliegt.


Denn eines wird häufig vergessen: Die häufigste Ursache für Schmerzen beim Stillen ist nicht automatisch ein Zungenband. Sehr vielen Frauen wurde schlicht nie gezeigt, wie ein Baby korrekt angelegt wird. Manche haben Glück und stillen trotzdem schmerzfrei – andere finden zum Glück den Weg zu einer qualifizierten Stillberatung.


Ja, eine Frenotomie kann Schmerzen beim Stillen verbessern. Gleichzeitig gibt es Zungenbänder, die tatsächlich behandelt werden sollten. Wenn die Zunge beispielsweise bereits an der Zungenspitze am Mundboden fixiert ist, kann eine Trennung medizinisch sinnvoll und notwendig sein.

Deshalb finde ich es schwierig, wenn das Thema pauschal abgetan wird.

Auch die neue S3-Leitlinie zum Stillen sollte nicht einfach diskreditiert werden, sondern fachlich eingeordnet werden.

Positiv finde ich deshalb, dass auch der Bund Deutscher Lactations- und Stillberaterinnen (BDL) Stellung bezogen hat.

Dort wird ebenfalls betont, dass unnötige Eingriffe vermieden werden müssen – gleichzeitig aber auch klar darauf hingewiesen, dass es behandlungsbedürftige Zungenbänder gibt, die nicht übersehen werden dürfen.


Wichtig ist außerdem: Eine Frenotomie ist nicht automatisch eine Privatleistung. Wenn sie medizinisch notwendig ist, kann sie – vorzugsweise mit der Schere durchgeführt – auch als Kassenleistung erfolgen.


Laser-Frenotomie – wenn aus einer Behandlung ein Geschäftsmodell wird

Ein weiterer Punkt, den ich sehr kritisch sehe, ist der zunehmende Einsatz der Laser-Frenotomie.

Ein Mund-Kiefer-Gesichtschirurg mit über 30 Jahren Erfahrung in der Durchführung von Zungenbandtrennungen sagte dazu sinngemäß: Wenn er einen echten Vorteil der Lasertrennung gegenüber der klassischen Scherentrennung sehen würde, würde er den Laser einsetzen. Da er diesen Vorteil nicht sieht, bevorzugt er die Scherentrennung.

Diese Einschätzung finde ich bemerkenswert, denn sie kommt nicht von jemandem, der den Eingriff nicht kennt – sondern von jemandem mit jahrzehntelanger praktischer Erfahrung.

Aus meiner Sicht wird der Laser heute teilweise zu häufig eingesetzt. Viele Babys haben nach einer Laser-Frenotomie länger Schmerzen und Beschwerden. Eine Behandlung sollte aber immer das Ziel haben, einem Baby zu helfen – nicht, eine möglichst teure Methode anzubieten.


Besonders kritisch sehe ich die Kosten. Für Laser-Frenotomien werden teilweise 1.500 bis 2.000 Euro verlangt. Natürlich dürfen medizinische Leistungen etwas kosten und gute Arbeit soll auch angemessen vergütet werden. Aber Summen in dieser Größenordnung sind für viele Familien eine enorme Belastung.


Noch problematischer wird es, wenn Eltern durch Angst in eine Entscheidung gedrängt werden. Familien mit einem stillenden Baby in Schwierigkeiten befinden sich ohnehin in einer sehr verletzlichen Situation. Dieses Vertrauen sollte nicht für ein Geschäftsmodell genutzt werden.


Ich habe Familien erlebt, die sich schlecht gefühlt haben, weil sie keine 2.000 Euro für eine Frenotomie ihres Babys aufbringen konnten. Diese Familien hätten sich niemals schlecht fühlen müssen. Ein finanzieller Spielraum ist keine Voraussetzung dafür, eine gute Mutter oder ein guter Vater zu sein.


Und häufig endet die Rechnung nach der Frenotomie nicht dort: Danach werden Familien weitergeschickt zu Logopädie, Osteopathie, Physiotherapie oder Stillberatung – oft ebenfalls mit privaten Kosten. So können schnell mehrere tausend Euro zusammenkommen.


Genau deshalb wünsche ich mir einen anderen Weg: Eine sorgfältige Diagnostik, eine individuelle Betrachtung von Mutter und Kind und zunächst das Ausschöpfen konservativer Möglichkeiten.


Ich beschäftige mich mit diesem Thema seit langer Zeit.

Meine erste Fortbildung zum Thema Zungenband habe ich bereits 2018 bei Professor Karrall besucht. Der spätere Gründer eines Zungenbandzentrums war damals Teilnehmer dieses Kurses.


Mein Fazit:

Nicht jedes Zungenband muss getrennt werden. Aber manche müssen es.


Es geht nicht darum, Frenotomien grundsätzlich abzulehnen. Es geht darum, unnötige Eingriffe zu vermeiden, notwendige Eingriffe nicht zu verpassen und Familien eine ehrliche, unabhängige Beratung zu ermöglichen.


Denn am Ende geht es nicht um ein Zungenband.

Es geht um ein Baby, eine Mutter und darum, den besten Weg für beide zu finden.


Wenn ihr unsicher seid, lasst euch beraten. Gemeinsam schauen wir die gesamte Stillsituation an und finden heraus, welche Unterstützung wirklich sinnvoll ist.

 
 
 

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